23.05.2015

Ein sicheres Gefühl dank Telemedizin

Forschungsprojekt der Berliner Charité bringt Patienten mit Herzschwäche mehr Lebensqualität

 

Von Karola Decker

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Der 76-jährige Franz-Xaver Märkl war ein Jahr lang Studienteilnehmer beim Forschungsprojekt „Fontane“. Täglich kontrollierte er Blutdruck, Gewicht und Herzfrequenz. Die Daten wurden drahtlos per Telemedizin an die Berliner Charité übertragen. Heute geht es ihm gut und er kann ohne Einschränkungen seiner geliebten Gartenarbeit nachgehen.

Es ist ein morgendliches Ritual wie Duschen und Zähneputzen: Auf die Waage, danach Blutdruck messen und EKG anlegen. Für Patienten, die an dem Forschungsprojekt „Fontane" teilnehmen, gehört der tägliche Gesundheitscheck zum guten Start in den Tag. Franz-Xaver Märkl aus Oberharthausen bei Geiselhöring zum Beispiel beteiligte sich ein Jahr lang an dem Versuch und kann drei Monate danach eine durchwegs positive Bilanz ziehen. Er war über die internistische Gemeinschaftspraxis im Steiner Thor in das telemedizinische Forschungsprojekt gekommen, das federführend von der Berliner Charité betreut wird. Märkls Fazit: Regelmäßige Arztbesuche können die Geräte nicht ersetzen. „Doch sie geben einem Sicherheit und man traut sich wieder, aktiver zu sein."

Bei „Fontane" handelt es sich um eine der weltweit größten Herzinsuffienz-Studien. Unter der Leitung von Professor Dr. Friedrich Köhler führt das Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin an der Berliner Universitätsklinik Charité eine Studie bei 1500 Patienten mit chronischer Herzmuskelschwäche durch. Es werden ausschließlich Betroffene aus Berlin, Brandenburg und der Region Straubing-Bogen angenommen. Die Finanzierung läuft über das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

 

 

Forschungsklientel sind Risikopatienten, die wegen einer Herzschwäche im Krankenhaus behandelt werden mussten. Durch tägliches Messen von Blutdruck, Gewicht und EKG soll eine Verschlechterung des Gesundheitszustands verhindert werden. Die Kranken werden mit Geräten der Teletechnologie ausgestattet, die ihre täglich gemessenen Daten an das Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin nach Berlin überträgt. Dort checken Mediziner die übermittelten Werte. Sollte eine Messung auf Komplikationen oder eine Verschlechterung des Zustands hindeuten, melden sich die Ärzte sofort beim Patienten.

Ein Jahr lang werden relevante Werte notiert

 

Jeweils zwölf Monate lang dokumentieren die Betroffenen ihre Krankheitsdaten. Es erhalten allerdings nur 50 Prozent der Studienteilnehmer Telemedizingeräte für den Hausgebrauch. Denn um einen wissenschaftlichen Vergleich herbeiführen zu können, braucht es eine Kontrollgruppe ohne Geräte.

 

Sandra Prescher, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin an der Berliner Charité erklärt, wie die Rekrutierung der Patienten abläuft: „Wir haben aktuell 15 aktive Partner in der Region Straubing, darunter zwei kardiologische Einrichtungen." Die Rede ist zum einen vom Klinikum St. Elisabeth und zum anderen von der internistischen Gemeinschaftspraxis im Steiner Thor.

 

Diese beiden Einrichtungen betreuen das „Fontane-Projekt" federführend. Die ärztliche Leitung liegt in den Händen von Professor Dr. Sebastian Maier, Chefarzt der II. Medizinischen Klinik am Klinikum St. Elisabeth und dem dort tätigen Kardiologen Dr. Christoph Günther sowie Prof. Dr. Christian Zugck von der Praxis im Steiner Thor. Als medizinische Fachangestellte betreuen Ursula Kurz und Andrea Albrecht von der Gemeinschaftspraxis Steiner Thor die Patienten sowie Martina Stettmer von der Klinik Bogen. Aber auch über Haus- und Fachärzte der Region und das Ärztenetz Donaumed werden die Patienten rekrutiert.

 

Prof. Köhler von der Charité in Berlin ist voll des Lobes für die Ärzte und Patienten aus Niederbayern. „Der Landkreis Straubing-Bogen ist eine wahre Musterregion. Alle Beteiligten arbeiten hervorragend mit." Er hält „Fontane" für ein Erfolgsmodell. Nicht zuletzt gehe es um die medizinische Versorgung auf dem flachen Land, die in Zukunft noch zu einer großen Herausforderungen werde.

 

Köhler erklärt auch, warum ausgerechnet Straubinger Patienten in den Genuss des durch Bundesmittel finanzierten Projekts kommen: „Professor Christian Zugck ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Projekts und Steering-Committee-Mitglied der klinischen Studie. Er hatte mich 2013 zu einer ärztlichen Fortbildung nach Straubing eingeladen, die sehr gut besucht war. Damals zeigten die anwesenden Mediziner großes Interesse an einer Studienteilnahme."

 

Inzwischen sind bereits über 50 Patienten aus dem Raum Straubing bei „Fontane" gemeldet. „Etwa ein Viertel davon hat die Studie bereits erfolgreich abgeschlossen, die zwölf Monate dauert", erläutert Zugck. Auch er definiert den Vorteil der Telemedizin in der Versorgung strukturschwacher Regionen. Vor allem vor dem Hintergrund zunehmender chronischer Erkrankungen könne durch Telemedizin die Kommunikation zwischen Patient, Haus- und Facharzt aber auch dem Krankenhaus verbessert werden. „Von Patienten und Hausärzten wird das Angebot durchwegs positiv angenommen." Manche Studienteilnehmer hätten die Geräte mit Bedauern zurückgegeben, weil sie - aber auch Ihre Angehörigen, sich so an die tägliche Kontrolle und die daraus resultierende Lebensqualität gewöhnt hätten, ohne dass dabei der selbstverständlich fortbestehende Kontakt insbesondere zum betreuenden Hausarzt verloren gegangen wäre. Das kann auch Kardiologin Dr. Regine Langer-Huber unterstreichen: „Es melden sich Angehörige und Freunde der Patienten, die auch teilnehmen möchten. Meistens ist die Enttäuschung groß, wenn sie abgelehnt werden."

 

Um aussagekräftige Daten bei der täglichen Messung zu erzielen, wird jeder Studienteilnehmer detailliert in den Gebrauch der Telemedizingeräte eingewiesen. Im Turnus von drei Monaten werden die Patienten außerdem von ihrem Arzt untersucht, nach zwölf Monaten gibt es eine Abschlussvisite durch den Kardiologen.

Drahtlose Übertragung funktioniert problemlos

 

Franz-Xaver Märkl bestätigt dieses Vorgehen. „Ich wurde mit Waage, Blutdruckmessgerät und Notfallhandy ausgestattet und erhielt eine genaue Anleitung", berichtet der 76-Jährige. Jeden Morgen verbrachte er einige Minuten damit, seine Werte zu messen. Die Geräte sind mit Sender ausgestattet und übertragen die Ergebnisse drahtlos in eine Datenbank. Laut Märkl funktionierte das ein Jahr lang problemlos. „Nur wenn bei uns schlechtes Wetter mit viel Nebel war, konnte es mal ein paar Minuten länger dauern." Meistens, so Märkl, sei die gesamte Prozedur innerhalb weniger Minuten erledigt gewesen. „Alle vier Wochen wurde ich angerufen und befragt, ob alles klappt", erzählt Märkl weiter. Nur einmal sei ein Gerät komplett ausgefallen, doch auch dieser Fehler sei innerhalb kürzester Zeit von Berlin aus behoben worden.

 

Märkl gibt offen zu, dass er erst gar nicht so begeistert von der Idee war, bei „Fontane" mitzumachen. Doch bald wollte er seine Geräte nicht mehr missen. „Ich fühlte mich einfach sicherer." Drei Monate nach Beendigung der Studienteilnahme fühlt er sich gut und kann seinem Lieblingshobby, der Gartenarbeit, ohne Einschränkungen nachgehen.

 

Prof. Sebastian Maier vom Klinikum St. Elisabeth nennt das „doppelte Sicherheitsgefühl" ebenfalls als einen der Hauptvorteile für die beteiligten Patienten. „Das Verständnis für die eigene Krankheit wird geweckt, die Betroffenen lernen, besser damit umzugehen." Letztendlich solle die Studie nun beweisen, ob Telemedizin tatsächlich eine gesteigerte Lebensqualität oder gar ein Überleben trotz schwerer Krankheit sichern könne.

 

Diesbezüglich ist es laut Zugck von Vorteil, dass von vorneherein alle Krankenkassen bei „Fontane" mit an Bord sind. Sollte der Nutzen der telemedizinischen Betreuung bei Patienten mit Herzinsuffizienz wissenschaftlich belegt werden, könnten sie dieses Angebot in ihren Leistungskatalog aufnehmen. Gerade im ländlichen Raum werde dadurch die Versorgung durch seriell erhobene objektive Daten verbessert.

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Die Patienten erhalten eine ausführliche Schulung, bei der ihnen die Anwendung der telemedizinischen Geräte erklärt wird. Zur Ausstattung gehören eine Waage, Blutdruckmessgerät, EKG und Notfallhandy. Das tägliche Messen wird bald zur Routine. Teilnehmer bestätigen, dass ihnen die Kontrolle per Telemedizin Sicherheit im Alltag gibt. (Foto: Charité - Universitätsmedizin Berlin)